Herbstlaub oder die Farben des Verfalls

Betrachtung von Karin Morgenstern

Der Herbst verbreitet eine besondere Klarheit. Die Bäume stehen kahl im  Wind, die Früchte sind nicht mehr und das Eigentliche kommt zum Vorschein. Keine Knospen, kein Laub, höchstens noch wenige in den schönsten Farben schillernde Blätter.

Hätten sie eine Sprache, würden sie sagen: „Wunderbar sind wir, denn alle Farbnuancen sind in uns vereint und wollen dich als Betrachter auf die lange Ruhepause einstimmen. Sammle doch die Farben und das Licht, bewahre sie in deinem Herzen und decke dich für den Winter ein. Die Kraft in uns wird immer schwächer und der raue Herbstwind trägt uns fort. Vorbei."

Der Herbst ist für mich so aussagekräftig, so voller Lebensweisheiten. Die Knospen, das Erwachen der Natur im Frühjahr gleicht doch der Jugend.

 

Voller Erwartung auf die nächste Jahreszeit. Das Reifen der Früchte ist doch der Mensch in seinen besten Jahren.

Der beginnende Herbst oder der alternde Mensch ist die Zeit der Ernte. Spätestens jetzt zeigt sich, ob Früchte gewachsen sind. Wurde die Lebenszeit vertan?  Oder mit der Sprache der Blätter: erfreue ich denn mit meinen „Farben", sodass gerne betrachtet und erinnert wird? Auch der Mensch wird welk und der raue Wind weht. Nur wir "fliegen" in eine neue Heimat und werden allezeit bei Gott sein.