Eine Weihnachtspredigt

Weihnachtspredigt von Pfarrer Tom Seidel

Zum Christfest 2016

Liebe Gemeinde, liebe Gäste,

es gibt wohl kaum ein Fest, dass mit so großen Erwartungen verbunden ist wie das Weihnachtsfest.
Denn zu Weihnachten, da wollen wir allen gerecht werden. Auch mit Zeit und Zuwendung:
Am ersten Feiertag besuchen wir meine Eltern und am zweiten deine, am 27. die Familie meiner Schwester und am 28. die Familie deines Bruders. So war es immer und basta.“

Der Erwartungsdruck geht, zumindest zu großen Teilen, von uns selbst aus, oder? Wir wollen eine blitzsaubere Wohnung, geschmackvoll dekoriert, ein gekonnt zubereitetes Festessen und eine entspannt-fröhliche Atmosphäre. Kurz: Der Druck wächst, eine „heile“, eine irgendwie vorzeigbare Familie zu sein. Wenigstens für die Zeit ab dem dritten Advent.

Druck erzeugt Stress, Stress erzeugt Krach, und dann sind sie da: die unheilvolle Unruhe in der Magengegend, das Schuldgefühl zwischen Anspruch in Wirklichkeit. Selten im Jahr klaffen Familien-Ideal und Familien-Realität so weit auseinander wie im Advent und zu Weihnachten. Woher kommt der hohe Anspruch? Vielleicht ja auch aus Weihnachtsliedern und Weihnachtsbildern? „Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar“. Da sieht man ein vergoldetes Idyll der Heiligen Familie: Maria, Joseph und das Jesuskind.

Es gibt ein berühmtes Bild von dem Kupferstecher Carl August Scherdgeburth aus dem Jahr 1856. Martin Luther im Kreise seiner Lieben, am Christabend, so heißt es. Dieses Bild wurde prägend für die wohlgeordnete Familienhierarchie des deutschen evangelischen Pfarrhauses und hundertfünfzig Jahre lang vorbildlich als bürgerliches Ideal.

Und schließlich speist sich unser Anspruch auch aus der eigenen Sehnsucht.
Könnten nicht wenigstens einmal im Jahr die Kinder brav, die Mütter unbesorgt entspannt und die Ehemänner arbeitsfrei, aber innerlich anwesend sein?

Woher die davon oft krass unterschiedene Wirklichkeit kommt, ist auch klar:
Weil wir fehlerhafte Menschen sind, mit nur begrenzter Kraft. Unsere Nerven, unser Gemüt, die Konzentration und die Aufmerksamkeit sind nicht unbegrenzt dehnbar.
Wir sind verletzlich und verletzend, anspruchsvoll, aber träge, ehrgeizig und neidisch – alles zugleich. 

214.000 Scheidungen pro Jahr schädigen 428.000 Männer und Frauen plus rund 135.000 betroffene Scheidungskinder. Addiert man die Zahl der nicht gerichtsnotierten Trennungen pro Jahr dazu, dann laufen ein bis zwei Millionen herzwunde Menschen über die Weihnachtsmärkte.

Und in den sogenannten Patchwork- oder Fortsetzungsfamilien müssen zu Weihnachten die beim Expartner lebenden Kinder, die vom derzeitigen Partner mitgebrachten Kinder, die gemeinsamen Kinder, alle Halb- und Stiefgeschwister sowie die ehemaligen und aktuellen Schwager und Schwägerinnen, Excousins und – cousinen, Alt-Nichten und Neu-Neffen, Großeltern und Schwiegereltern beschenkt und bedacht und besucht und berücksichtigt werden – eine Logistik wie für einen preußischen Feldzug.

Und obendrauf dann noch der fromme Erwartungsdruck? Wie ist das mit dem Gebot, die Eltern zu ehren? Verschlimmert das nicht noch den Stress?
Indem über alle vorhandenen Klischees und Ideale noch ein christlich moralisches drauf gepackt wird?

Nein. Das Evangelium, die gute Nachricht von Gottes Liebe und Barmherzigkeit, ist keine Droh-, sondern eine Froh-Botschaft. Die Botschaft der Bibel entlastet und befreit uns. Auch und gerade, wenn wir den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders spüren. Warum?

 1. Weil fast alle Familiengeschichten der Bibel Konfliktgeschichten sind.

Schon Adam und Eva hatten an ihren Söhnen Kain und Abel keine rechte Freude.

Die Söhne des Noah entdecken ihren Vater sturzbetrunken und splitternackt im Zelt liegend.

Abraham schwängert außer seiner Frau Sarah auch die Magd Hagar. Es kommt zu so heftigen Eifersuchtsszenen zwischen den beiden Frauen, dass Hagar mit ihrem Kind aus dem Haus und auf eine lebensgefährliche Flucht in die Wüste gejagt wird.

Jakob täuscht seinen halb blinden Vater Isaak so raffiniert, dass der seinen erstgeborenen Sohn Esau irrtümlich enterbt. Erbschleicher Jakob flieht an den Hof seines Onkels Laban. Und der täuscht wiederum ihn so geschickt, dass Jakob eine Frau heiraten muss, die er nicht liebt und er obendrein 14 Jahre lang als Ein-Euro-Jobber arbeiten muss.

Streber Josef wird von seinen älteren Brüdern aus Neid in eine Wüsten-Zisterne geworfen.
Die hätten also den Tod ihres Bruders billigend in Kauf genommen, so formuliert das der Staatsanwalt.

Die Mutter des Mose muss ihren Neugeborenen in einem Schilfkorb den Fluten des Nil anvertrauen, damit ihr Sohn als Findelkind adoptiert wird.

Prinz Absalom ist ein charakterlich derartiges Miststück, dass sein Vater David eines Tages vor ihm aus dem Königspalast fliehen muss.

Und? Das ist ja nun noch keine besonders frohe Botschaft, wenn ich euch sage:
Manche biblischen Familien waren noch schlimmer als eure!

Nein, aber Gott interveniert. Gott greift ein, er tritt dazwischen, er spricht und handelt zugunsten der Übervorteilten und Benachteiligten jedes Dramas. Gott rettet, repariert, ermahnt und vergibt, kurz: Gott segnet diese unheilen Familien. Segnen kommt von signare, unterzeichnen. Gott unterschreibt nicht alles, was wir Menschen so verzapfen.
Aber er schreibt auf krummen Linien gerade!
Und das bedeutet: Zügig oder langfristig, offenkundig oder versteckt schält sich das Gute, das Lebensförderliche heraus.

Die Versöhnung, manchmal sogar handfestes Glück für die Betroffenen. Heilig waren diese biblischen Familien nicht im Sinn einer idealtypischen Hochherzigkeit oder einer charakterlichen Vorbildlichkeit, sondern einzig und allein darin, dass Gott sie nicht fallen ließ.

Mörder Kain wird Städtegründer und Kulturstifter. Trinker Noah baut die Arche und rettet Mensch und Tier. Abraham reift zum viel zitierten Vater des Glaubens heran. Die verstoßene Hagar und ihr Sohn Ismael werden gerettet. Jakob versöhnt sich mit seinem Bruder Esau und trennt sich gütlich von seinem Onkel Laban. Adoptivkind und Mörder Mose wird der Befreier und Gesetzgeber Israels. Josef vergibt seinen schurkischen Brüdern und sichert ihr Überleben in Zeiten der Not. David trauert herzzerreißend um Absalom und bekommt in Salomo einen würdigen Thronfolger.

Es wird übrigens viel geweint in den Konflikt- und Versöhnungsgeschichten biblischer Familien. All das lädt uns ein, barmherzig zu werden. Mit anderen und mit sich selbst. Das Evangelium entlastet und befreit uns vom Erwartungsdruck eines Heilige-Familie-Klischees, denn:

2. Die Bibel ist fair im Generationenkonflikt.

Die typische Kleinfamilie aus Vater-Mutter-Kind ist eine durch Industrialisierung und Wohlstand möglich gewordene Lebensform. Sie ist keine gottgegebene Schöpfungsordnung. Die Bibel meint mit Familie oder Haus eine Groß-Sippe von etwa zehn bis dreißig Personen, die zusammen oder in unmittelbarer Nähe lebten, weil das wirtschaftliche und soziale Überleben gar nicht anders möglich war. Niemand musste immer allen alles sein, weil die Lasten auf vielen Schultern verteilt wurden. Und jetzt sage niemand: Ja, ja, in Afrika, da mag das noch klappen.

Seit unser Wohlstand in Deutschland abnimmt und die Armut zunimmt, seitdem rücken auch bei uns die Sippen wieder zusammen. Demographen und Soziologen stellen erstaunt fest: Die Zahl der Drei-Generationen-Familien wächst. Ob unter einem Dach oder lokal vernetzt lebend: Die alten Eltern leben länger, die berufstätige mittlere Generation ist zeitlich und finanziell stärker belastet. Die Kinder haben längere Ausbildungswege. Demzufolge heiraten sie immer später. Ihre Ehen sind fragil. Mit zeitweiliger Rückkehr eines erwachsenen Kindes ins Elternhaus muss gerechnet werden.
Damit verlagert sich aber auch der Generationenkonflikt in die Lebensmitte!

Nicht so sehr die Teenager sind unzufrieden mit ihren Eltern, sondern die mittlere Generation ist unzufrieden mit den Kindern.

Und manchmal auch mit ihren alten Eltern. Nicht so sehr die Pubertierenden fühlen sich eingeengt und unterdrückt, sondern Väter und Mütter in der Lebensmitte leiden unter den Sachzwängen, unter der routinierten Enge und unter dem Druck des Unabänderlichen. Wird das Hotel Mama nämlich sowohl von langjährig nesthockenden erwachsenen Kindern bevölkert als auch von achtzigjährigen womöglich pflegebedürftigen Großeltern, dann leben die berufstätigen Fünfundvierzigjährigen bis Sechzigjährigen dazwischen, und zwar in der Gefahrenzone.

Jetzt bloß nicht aufgeben! Bloß nicht krank werden. Jetzt bloß nicht arbeitslos werden. Der Druck steigt.

Aber auch an diese hoch gefährdete mittlere Generation wendet sich das vierte Gebot. Und es ist das erste, was eine Verheißung hat, das eine positive Konsequenz verspricht: „Ehre Vater und Mutter, auf dass es dir wohl gehe und du lange lebest auf Erden.“ Warum steht das da?

Opa ist achtzig, ihm zittern die Hände.
Und weil er bei Tisch jeden Löffel Suppe verschüttet wird’s dem Vater – Mitte, Ende vierzig – irgendwann zu unappetitlich. Er bittet den Opa, doch alleine auf seinem Zimmer zu essen. Erst recht, wenn Gäste da sind.

Eines Tages sieht der Vater seinen kleinen Sohn – acht Jahre -, wie er mit einem Schnitzmesser ein Stück Holz bearbeitet. Na, mein Junge, was wird das denn Schönes? Ich schnitz dir einen eigenen Trog, Papa, damit du später auch mal alleine auf deinem Zimmer daraus essen kannst.

Ehre Vater und Mutter, rät das vierte Gebot, denn deine Kinder beobachten dich bereits. Und sie haben die bisweilen unangenehme Angewohnheit, uns alles nachzumachen.

Also sei dir sicher: Sie werden dich morgen so behandeln, wie du deine Eltern heute behandelst.

Im Übrigen ist die Bibel nicht einseitig. Es gibt zwar das Gebot: Ehre Vater und Mutter, aber es heißt auch im Epheserbrief: Ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht zum Zorn. Macht sie euch nicht zu Feinden. Behandelt sie gerecht. Ältere Männer und ältere Frauen sollen und können ein Segen für die nachwachsende Generation sein.

In den Weihnachtsgeschichten von Lukas sind gesegnetes, versöhntes Alt Sein und gesegnetes, behütetes Jungsein in einer einzigen wunderbaren Szene zusammengefasst: Der greise Simeon im Tempel segnet das acht Tage alte Baby der Maria und sagt:
Nun kann ich in Frieden sterben, denn meine Augen haben Gottes Heil gesehen. Er hat den Messias, den Retter in die Welt gebracht.

Dieses Bild – der greise Simeon und das Jesuskind stand übrigens noch feucht auf der Staffelei, als der holländische Maler Rembrandt van Rijn am 4. Oktober 1669 starb.
Es war sein letztes Gemälde. – Nun kann ich in Frieden sterben. ..

Das Evangelium entlastet und befreit uns vom Erwartungsdruck eines „Heilige-Familie-Ideals“, denn:


3. Jesus definiert heile Familie nicht bürgerlich, sondern geistlich.

Jesus verlässt erst mit dreißig das Elternhaus. Laut Matthäus 13,55-56 hatte er vier Brüder und mindestens zwei Schwestern. Die tauchen in den Evangelien aber nur als Kritiker seiner Mission auf, wenn sie ihn für verrückt hielten. Einmal weist Jesus seine Mutter zurück, als sie ihn besorgt nach Hause holen will. Und er sagt jenen berühmten Satz, der die geistliche Bindung über die Blutsverwandtschaft stellt: Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter. (Mk 3,35)

Damit hebt er den Wert und die Verbindlichkeit der leiblichen Familie nicht auf. Aber er nimmt ihr den Absolutheitsanspruch.

Wer Gottes Willen tut, ist mir Bruder, Schwester, Mutter, sagt Jesus. – Was ist denn der Wille Gottes, den wir tun sollen? Barmherzig sein, wie er mit uns und unseren Familien barmherzig ist.

Martin Luther, aufgewachsen unter einem jähzornigen Vater, heiratet mit Zweiundvierzig Jahren still und heimlich, im kleinen Kreis von nur vier geladenen Hochzeitsgästen, eine aus dem Kloster entlaufene Nonne namens Katharina von Bora. Im Juni 1525 sagt er: „Ich bin weder verliebt noch in Leidenschaft entbrannt, aber ich schätze und ehre sie, wie ja auch Frau Käthe sich meiner angenommen hat.“ Heiliges deutschbürgerliches Familien-Idyll a la Schwerdgeburth-Gemälde von 1856? Christabend bei Luthers?

Von wegen. Aber: „Wir haben uns einander angenommen.“ Weil sich Gott unser angenommen hat.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen sehnsuchtsvollem Familien-Ideal und erlittener Familien-Realität gibt es eine Brücke aus Gnade und Barmherzigkeit.

Für Jungverliebte und für Eheleute, für Eltern heranwachsender Kinder und für erwachsene Kinder sehr alter Eltern scheinen mir die folgenden Zeilen von Manfred Hausmann tröstlich zu sein:

Wenn wir uns nicht mehr haben

und uns sehnen,

dann ist’s, als hätten wir uns endlich ganz.

Doch wenn wir nahe sind

Und uns geborgen wähnen,

verdunkelt sich die Lust, verblasst der Glanz.

Die Ferne ist es nicht und nicht die Nähe.

Ach, immer lebt das Innigste allein.

Lass uns, wie gut, wie schlimm es um uns stehe,

lass uns barmherzig miteinander sein.

Amen.

 

(Anmerkung: Diese Predigt beruht auf einer stark überarbeiteten Predigt von Andreas Malessa)

 

 

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