"Ich kann alles!"

Wenn ein Vierjähriger sagt „Ich kann alles!" dann schmunzle ich. In diesem Alter fehlt einem einfach noch die realistische Selbsteinschätzung. Es gehört zur Reife eines Menschen, auch die eigenen Begrenzungen zu kennen und anzuerkennen. Ich kann nicht alles. Immer wieder werden mir meine Grenzen, manchmal auch schmerzhaft, vor Augen geführt. Beim ersten Lesen klingt der Monatsspruch für den Monat Mai wie der unreife Satz des Vierjährigen: „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt." (Philipper 4,13) Paulus schreibt diesen Satz an die Christen in Philippi im heutigen Griechenland. Er sitzt im Gefängnis, während er diesen Brief schreibt. Und er spricht auch nicht von grenzenloser Selbstüberschätzung, sondern von seinem Vermögen, mit durchaus misslichen Situationen umzugehen. Er schreibt davor: „Ich habe gelernt, in jeder Lage zurechtzukommen: Ich kenne Mangel, ich kenne auch den Überfluss. Alles und jedes ist mir vertraut: das Sattsein wie der Hunger, der Überfluss wie die Not." (4,11-12)

Auch Paulus kannte also wie ich in seinem Leben Hoch- und Tiefzeiten. Es gehört zum Leben als Christ dazu, dass nicht immer alles glatt geht und wir immer Erfolg haben. Auch Christen bleiben nicht von schlimmen Krankheiten verschont. Auch Christen werden Opfer von Unfällen. Auch Christen erleben berufliche Niederlagen und Scheitern. Wenn die Stürme des Lebens kommen, dann gerät auch das Lebensboot von Christen ins Schlingern. Die Frage ist, wie wir damit umgehen und woher wir in solchen Krisenzeiten die Kraft zum Durchhalten bekommen. Paulus weist uns da eine Richtung. Es ist Jesus Christus, der gekreuzigte und auferstandene Herr, der ihm und uns Kraft gibt, auch in den misslichen Lagen nicht unterzugehen. Und da ist wirklich alles gemeint, jede Situation. Aber dazu ist es nötig, dass wir unsere Verbindung zu Jesus Christus halten, auch und gerade in den Zeiten, wenn alles gut läuft. Darum: Lasst uns dranbleiben an der Gemeinschaft mit unseren Mitchristen, lasst uns dranbleiben am Hören und Lesen seines Wortes, an der Feier des Abendmahls und am Gebet. Wenn wir das tun, erleben wir auch in Krisenzeiten: Alles vermag ich durch ihn (Jesus Christus), der mir Kraft gibt.

Im Namen aller Mitarbeiter und Kirchvorsteher grüßt Sie,

Ihr Pfr. Tom Seidel